Mit folgender Projektskizze haben wir uns bei der Stiftung: "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" beworben:
"Welche Männer und Frauen haben sich trotz Krieg und Diktaturen mutig für Menschlichkeit und Versöhnung, für den Frieden und die Wahrung von Menschenrechten eingesetzt?"
"Nachtherbergen für die Wegwunden" (Nelly Sachs)
"Darüber kann ich mit meiner Großmutter nicht reden!" - dies war eine der Reaktionen, die die jungen Leute der Projektgruppe, beauftragt, in ihrem privaten Umfeld nach Zeitzeugen des Nationalsozialismus zu suchen, mitbrachten. Noch immer liegt über jene Zeit ein seltsames Schweigen, beschämt oder trotzig. Oder es werden doch Geschichten erzählt wie die von einer Verwandten, die trotz allem mit ihrer jüdischen Freundin untergehakt durch die Straßen flaniert sein soll, vom Nachbarn, der die Vandalierer, die in der "Reichskristallnacht" gegen das jüdische Geschäft in seinem Dorf anrückten, mit einer Schrotflinte bedrohte, oder von jener Frau, die regelmäßig Lebensmittel in die Mülltonne steckte, bestimmt für die Zwangsarbeiter, die Abend für Abend an ihrem Haus vorbeizogen. Sind das die mutigen Frauen und Männer im Sinne des Themas?
Ein Mitarbeiter der "Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster e.V." gab uns den Hinweis auf die Familie Spiegel und das Buch "Retter in der Nacht". Darin finden sich die bereits 1964/65 aufgezeichneten Erinnerungen von Marga Spiegel, wie sie, ihr Mann und ihre kleine Tochter von Februar 1943 bis Kriegsende auf fünf Höfen im südlichen Münsterland Zuflucht fanden und vor dem KZ bewahrt blieben. Marga Spiegels Bericht ist bewegend, erschreckend und nahezu unglaublich - dass dies gelingen konnte! Welche Last muss auf der Familie gelegen haben, jeden Tag neu. Und auf denen, die bereit waren, sie zu verstecken! Marga Spiegel ist 94 Jahre alt und lebt jetzt in Münster.
Die Retter - die Familien der fünf münsterländischen Bauernhöfe - werden im Mittelpunkt unseres Projekts stehen. Marga Spiegel hat deren Motivation, Gedanken und Gefühle meist summarisch beschrieben, vor allem ihr eigenes Staunen und ihre Dankbarkeit ausgedrückt. Besonders wird uns interessieren, welche Rolle der Glaube beim Eintreten der Retter für Menschlichkeit gespielt hat: Hat sie ihre Verwurzelung im Katholizismus immunisiert gegen den Nationalsozialismus?
Die Gespräche mit den Rettern erfordern eine genaue Kenntnis der Situation jüdischer Familien im nationalsozialistischen Deutschland: die Mechanismen ihrer offenen und weniger sichtbaren Ausgrenzungen aus der Gesellschaft, bis hin zur Frage, was man als "normaler Deutscher" - auf dem Lande, unter den Informationsbedingungen jener Zeit - wissen konnte und welche Handlungsmöglichkeiten übrig blieben. War der Holocaust auch dort ein "offenes Geheimnis"?
Wir möchten das Thema des Projekts gern ergänzen. Uns interessiert, wie die nächste Generation der Retterfamilien über den Mut und den Widerstand ihrer Großeltern denkt, wie ihr Gedächtnis in der Familie bewahrt wird, ob und womit sie ihnen zum Vorbild geworden sind. Und wir haben bei unserer Recherche bisher drei weitere Helfer- und Widerstandsgeschichten gehört, denen wir nach Möglichkeit weiter nachgehen möchten.
Für unsere geplante Radiosendung ( s.u.) möchten gern wir Zeitzeugen aus unserem eigenen Umfeld finden, die bereit sind, mit uns über diese Rettergeschichte zu diskutieren: Warum ist sie eine einzigartige Ausnahme geblieben? Warum habt Ihr alle (?) "hingeschaut und weggesehen"?
Die Münsteraner Gruppe hat den Bericht von Marga Spiegel "Retter in der Nacht", in dem sie die Rettung ihrer Familie durch fünf Bauernfamilien beschreibt, gelesen. Diesen Bericht hat Frau Spiegel um die Geschichte ihrer Familie in Ahlen bis zur Nazizeit erweitert und mit Nachgedanken ergänzt. So ist ihr Buch zu einer sehr persönlichen, authentischen Einführung in das Leben und Leiden der Juden im 20. Jahrhundert geworden.
Wir konnten Frau Spiegel inzwischen über zwei Stunden lang interviewen, ebenso Familienmitglieder von drei der Bauernhöfe, auf denen Herr und Frau Spiegel und ihre Tochter Karin - getrennt - versteckt worden sind. Eine Familie hat trotz intensiver Bitten ein Interview abgelehnt, von der fünften Familie liegt eine grundsätzliche Zusage vor. Ein weiteres Gespräch hat die Gruppe mit Dr. Gummersbach geführt. Er ist der hiesige Schulamts- und Weiterbildungsleiter, hat seine Dissertation über die Geschichte des 3. Reichs in Ahlen geschrieben, verfügt über ein großes eigenes Archiv und ist zweifellos der beste Kenner der Lokalgeschichte jener Epoche. Er hat seine weitere Mitarbeit versprochen.
Unser israelischer Partner wird immer noch von Finanzierungsüberlegungen und vom Genehmigungsverfahren des Erziehungsministeriums aufgehalten. Die Gruppenzusammensetzung ist stark von der Höhe möglicher Zuschüsse abhängig. Die unbedingt nötige Übersetzung des etwa 80seitigen Berichts von Frau Spiegel ins Hebräische ist aus gleichen Gründen noch nicht erfolgt. Die Gedenkstätte Yad Vashem hat uns aber bereits das Dossier 463 in Kopie überlassen. Auf Grund dieser Schriftstücke wurden die Bauernfamilien zu "Gerechten unter den Völkern" erklärt.
Unsere bisherigen Vorarbeiten erleichtern uns die Projektplanung. Unser Projekt ist zweiteilig und beginnt bereits mit dem - einwöchigen - Besuch der israelischen Gruppe in Münster vom 24. September bis 1. Oktober 2007. Am Anfang steht ein für den 26. September 2007 verabredetes gemeinsames Interview mit Frau Spiegel. Am folgenden Tag werden wir ins südliche Münsterland fahren und den Bauernhof der Familie Aschoff besuchen. Dort möchten wir die jetzt 80jährige Tochter des Ehepaares Aschoff, Anni Richter, treffen, die als einzige der acht Kinder im Alter von 16 Jahren in die Rettungsaktion eingeweiht worden und bis heute eine Freundin von Frau Spiegel geblieben ist.
An einem "Studiotag" möchten wir den Israelis Auszüge aus dem bisher von uns aufgenommenen Material zeigen. In den Sommerferien wird eine Arbeitsgruppe die insgesamt ca. sechs Stunden langen Interviews auf eine halbe Stunde "Brauchbares" zurückschneiden. Wir hoffen, dann auch schon eine mögliche Dramaturgie für die Sendung vorschlagen zu können. Dazu gehören auch noch "typische" Reaktionen aus den Gruppen, die die deutsche wie die israelische Seite in ihre Radiosendung - mit Übersetzung - einspielen möchten.
Die israelische Gruppe hat erste Kontakte mit der Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen. Yad Vashem ist gern bereit, mit uns ein Seminar über die "Gerechten unter den Völkern" zu planen. Die Erfahrungen mit den Zeitzeugeninterviews hat die deutsche Gruppe schon auf die zentrale Frage gestoßen: Was ist eigentlich ein "guter Mensch", wenn die gute Handlung von so vielen unterschiedlichen Motiven und Bedingungen abhängt?